Liebe und Abenteuer

Spielfilm
88 Minuten / Farbe / 35 mm
1978

Produktion: ZDF Kleines Fernsehspiel / Stelly Filmproduktion
Verleih: Chaos-Filmverleih

Buch und Regie: Gisela Stelly
Kamera: David Slama
Schnitt: Heidi Hanndorf
Darsteller: Brigitt Hoffmeister, Hub Martin, Harald Vogl,
Leo Bardischewski, Martin Kippenberger

Festival Cinématographique International de Paris
Hofer Filmtage
Nordische Kinotage Lübeck
Festival International Films des Femmes / Sceaux

Birgit Hoffmeister wurde die Hauptdarstellerin „Lara“ und Kippenberger spielte seine Wunschrolle. Beide waren nicht die einzigen Laiendarsteller in „Liebe und Abenteuer“. Es war nicht ungewöhnlich, mit Laien Filme zu drehen, im Gegenteil, es war in Mode. Das hatte gewiss mehrere Gründe, einer davon hat wohl mit dem zu der Zeit noch anhaltendem, in den sechziger Jahren vom Jungen Deutschen Film zumindest filmsprachlich geübten Misstrauen gegenüber dem Medium Film zu tun. Ein speziell (west)-deutsches Misstrauen, das den Täuschungs-, Verführungs- und Manipulationskünsten dieses Mediums galt. Sie waren niemals zuvor so total genutzt und missbraucht worden wie im noch nicht allzu fernen Dritten Reich. Der ambitionierte Junge Deutsche Film jener Jahre, der auf gar keinen Fall Unterhaltung, sondern unbedingt wahrhaftiger Ausdruck sein wollte, entwickelte sich teilweise zu einem Film, der sowohl den Bildern misstraute als auch der Story und der Schauspielkunst, mit einem Wort: er entwickelte sich zum Anti-Film, Laiendarsteller waren folglich schon allein deshalb beliebt, weil sie eben nicht schauspielerten, sie hatten die Aura des Authentischen.

„Liebe und Abenteuer“ war eine Coproduktion mit dem ZDF/Kleines Fernsehspiel/Christoph Holch. Der Film hat keine in sich geschlossene Story. Er erzählt in einer Folge von Szenen, die durch die weibliche Hauptfigur miteinander verbunden sind, aus der Perspektive der Protagonistin BRD-Alltag Ende der Siebziger. „Una Tedesca in Allemagna“ hätte der Film auf italienisch heißen können.


aus: „Ihr Kippy Kippenberger“

Kurze Rede zum längeren Abschied

Für Birgit Hoffmeister

6.6.1959 – 29.4.2016

Anlässlich der Trauerfeier am 20. Mai 2016 in Berlin

Es war Frühling, und es war im Jahre 1978, als sich Martin Kippenberger, ausgestattet mit einer Polaroid-Kamera, in Berlin auf die Suche begab. Ich hatte mit ihm telefoniert und erklärt, unsere Hauptdarstellerin falle kurz vor Drehbeginn wegen Bänderrisses im Knie aus und ich suchte eine neue, das sei nicht einfach, sie spiele eine Achtzehnjährige, da komme nur eine Laiendarstellerin in Frage, und der Drehort solle Hamburg sein. Keine Sorge, ich finde sie, hatte Kippenberger, damals kurz Kippy genannt, am Telefon gesagt. Durchaus im eigenen Interesse, hatte er sich doch seine Lieblingsrolle Polizist mit Schäferhund selber ins Drehbuch geschrieben. Drei oder vier Tage nach unserem Gespräch meldete sich Kippy wieder.

Ich hab’ sie, sagte er nur und schickte statt langer Beschreibung fünf Polaroids, die er gemacht hatte. Sie zeigten eine junge Frau vor unterschiedlichen Hintergründen wie einer Shell-Tankstelle, einem Kneipenfenster mit Bier-Reklame und einem ziemlich trostlosen Klinkerbau im Regen, dazu der Hinweis auf der Rückseite des Polaroids Zu Besuch bei Rudolf Hess (Spandau). Auf dem beigefügten Zettel stand in Kippy-Schrift Sie ist wirklich toll!

Sie, das war Birgit. Achtzehn Jahre alt. Langes blondes Haar. Mit dem Blick einer schnurrenden Katze. An der Nasenspitze jedoch abzulesen: sie kann auch anders. Weißer Angora-Pullover, Zigarette zwischen zwei Fingern.
Sie ist wirklich toll!

Kippy arrangierte die Begegnung, wir trafen uns im Berliner Show-Room der Designerin Claudia Skoda mit dem erst kürzlich von Kippenberger geschaffenen Catwalk, unlängst als Kunstwerk im Hamburger Bahnhof/Berlin ausgestellt. Wir lagerten in der das Kunstwerk umgebenden Flokati-Hügellandschaft, Kippy verteilte grüne Marzipanfrösche, die – wenn auch auf ganz andere Weise – so süß waren wie der feine Duft, den Birgit verströmte, der sie wie eine pastellfarbene Aura umhüllte und uns alle bezauberte. Wann immer ich an Birgit denke, rieche, ja, schmecke ich diesen feinen Duft, den Duft ihres feinen, schönen Wesens.

Nach den Dreharbeiten von Liebe und Abenteuer malte Martin Kippy Kippenberger ein Bild, 200x260 cm, im Zentrum Birgit, unsere Hauptdarstellerin, eine liebende Abenteurerin. Sich selber malte er weiter unten als Polizist, wenn auch verfremdet.

Ich möchte mit einem Bild enden, mit einem Bild des romantischen Dichters Novalis, mit dem Bild vom Schleier, der unsere von jener anderen Welt trennt, in die Birgit hinüber gewechselt ist. Es ist nur ein Schleier, der uns trennt.