Kunstkammer Gartow

6. Oktober 2017

Liebe Freunde des Westwendischen Kunstvereins, lieber Heinrich,

es ist dein Wunsch, diese Ausstellung deiner Bilder in der Kunstkammer Gartow als ein Zitat deines malerischen Schaffensweges zu gestalten. Und so versammeln sich hier nun klein- und kleinstformatige Tusche- und Tinte-Malerei, großformatigere Aquarelle, Holzschnitte und Fotografien.

Die Arbeiten von Heinrich Modersohn tragen keine Titel, der Betrachter soll ohne Vorgabe frei assoziieren können wie in der Musik.

Wollte oder sollte ich die Malerei und das malerische Werk von Heinrich Modersohn einer Kunstrichtung zuordnen, so könnte ich oder könnte man in ihm eine Weiterführung der biomorphologischen Abstraktion erkennen. Der Begriff biomorphologische Abstraktion meint den malerischen Bezug auf organische, „natürliche' Formen, wie er etwa im Werk von Hans Arp oder auch Max Ernst zu finden ist.

In den Bildern von Heinrich Modersohn begegnen mir, dem Betrachter, Strukturen, die Formen unterschiedlichster Organismen zu zitieren scheinen, neu verwoben oder gegeneinander gesetzt zu einem ganz eigenen, einzigartigen und doch vertraut anmutendem Universum.

So etwa erzählen die Tuschemalereien, diese nur postkartengroßen Formate, vom Zauber und einer vielleicht auch durchaus bedrohlichen Magie einer organischen Vielfalt, von einem Dschungel in rhizomatischer Harmonie, luzide, undurchlässig, und doch transparent. Durch den Wechsel von Aufsicht und Durchsicht, von angespielten Formen und geordneter Unordnung, herrscht ein steter Wechsel von Wirklichkeit und Möglichkeit.

Die postkartengroßen Bilder vereinen Tusche, Aquarell und Tinte mit den Übermalungsmöglichkeiten der Abdeckung. In Anlehnung an die „en plein air„-Malerei sind sie im Freien entstanden und haben als Inspirationsquelle auf die Arbeit im Atelier zurückgewirkt.

Heinrich Modersohns Malerei zeigt viele Bilder in einem, und so mag es geschehen, dass im Kopf des Betrachters während des Betrachtens des Bildes immer neue Bilder entstehen. Dieses Verweisen auf immer neue Bildzentren ähnelt dem Variieren um ein Grundthema, wie wir es von der Musik kennen. Und so werden wir vor den Bildern von Heinrich Modersohn zu Passagieren einer Montgolfiere, angeheizt von einem unbegrenzt erscheinendem musikalischem Farbspiel beim Blick auf immer neue Bildlandschaften.

Zum Beispiel die Aquarelle:
Das Leuchten der Farben bündelt sich wie in einem Kristall, um sich an anderer Stelle wie in einem Kometenschweif aufzulösen. Feste Strukturen und Motive ordnen sich nach dem Klang der Farben, die dann das Licht auf seinem Weg durch das Bild bestimmen. In unvergleichlicher Weise gelingt es Heinrich Modersohn, das Schwarmverhalten von Farbe, Form und Raum zum Licht hin aufzuzeigen. Die Aquarelle, manchmal wie Zellstrukturen angelegt, werden als Lichtwaben und Farbkörper zum Einblick in den Wachstumsprozess von Farbigkeit. Die Farben gründen auf unterschiedlichsten Papieren, so dass sie schweben, sinken und fließen können. Luzidität auch bei überschneidenden Farbfeldern, eine Genesis der Farbe und Orchestrierung unserer Gefühle.

Zum Beispiel die Holzschnitte:
Bei seiner Arbeit mit Holzschnitten, die andern Orts oft mit Strenge und einer leicht gefangenen Anmutung behaftet sind, erreicht Heinrich Modersohn mit dem nachträglichen Einsatz malerischer Mittel unvergleichliche Ausprägungen. Der Abzug des Druckstocks auf Leinwand und die durch die Farbigkeit hervorgerufene Leichtigkeit erwecken eine beim Holzschnitt ungewohnte Vielfalt von Bewegungen. Diese spezielle Verbindung von grafischer Technik mit Malerei, mit öl, Tusche und Tinte, macht jeden Holzschnitt zu einem Unikat.

Zum Beispiel die Fotografie:
Die hier gezeigten Fotografien, zwei letzte Arbeiten, entstanden auf der italienischen Insel Stromboli, entfalten neben dem fotografischen auch einen malerischen Ausdruck. Dieser ist jedoch nicht technischer Manipulation geschuldet, sondern der meditativen Versenkung des Malers bei der Herstellung eines Bildes. Es ist ihm gelungen, die üblichen Einschränkungen des Kunstwerkes bei seiner technischen Reproduktion aufzuheben, die Natur bekommt ihre Aura und Einzigartigkeit zurück, man kann von einer gemalten Fotografie sprechen.

Lässt man die Stromboli-Fotos auf sich wirken, kann man beobachten, wie sich unmerklich das ereignet, was zu ihrem Herstellungsprozess geführt hat, nämlich ein meditatives sich Versenken. Und das widerfährt mir, lieber Heinrich, so ziemlich bei allen deinen Bildern, schaue ich in sie hinein. Wie schön, dass wir dir hier in der Kunstkammer auf einem kurzen Stück deines Weges zur Malerei folgen dürfen!

Gisela Stelly Augstein

Die Ausstellung läuft vom 7. Oktober bis zum 12. November 2017

© André Rival

Berlinale